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Restaurierte Grohner Orgel erklingt nun wieder

Die Norddeutsche - Lokales

Wieder sichtbar: Das Fenster mit Kirchenpatron St. Michael auf der Westempore. Hier sang zur Orgeleinweihung der Chor. GKE·FOTO: ALEXANDER LERCHLlupe
Wieder sichtbar: Das Fenster mit Kirchenpatron St. Michael auf der Westempore. Hier sang zur Orgeleinweihung der Chor. GKE·FOTO: ALEXANDER LERCHL

VON GABRIELA KELLER

Grohn. „Herr, erbarm dich über uns.“ Die letzten Worte des Kyrie verhallen im Raum. Stille kehrt ein und gespannte Erwartung auf den bis in die hinterste Reihe besetzten Bänken des Gotteshauses. Auf der Nordempore beginnt Kantor Jürgen Blendermann zu spielen. Zum ersten Mal erhebt die restaurierte Orgel ihre Stimme. Voll, hell und kraftvoll füllt Bachs „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“ die Kirche. Majestätischer Klang preist Gott. So wie es sich für die Königin der Instrumente gehört.

Das ist die Orgel der St.-Michael-Gemeinde in Grohn, die am vergangenen Sonntag im Festgottesdienst den ersten großen Auftritt hatte, jetzt wieder. Akustisch wie optisch. Mit dem Original-Orgelprospekt von 1908 aus dem Einweihungsjahr der Kirche ist ein Prunkstück auf die Nordempore zurückgekehrt. Bis 1929 zierte die Fassade die erste Grohner Orgel, dann bis 1972 den Nachfolger. Mit dem dritten Instrument, das am 10. Dezember 1972 auf der Westempore eingeweiht wurde, verschwand der Prospekt. Über drei Jahrzehnte lagerte er in einem Schuppen der früheren Orgelbaufirma Hammer, wo ihn der Grohner Kantor Jürgen Blendermann 2006 aufspürte.

Prunkstück auf der Nordempore

Jetzt, 38 Jahre nach dem Abriss auf der Westempore, erstrahlt er in alter Pracht wieder an seinem angestammten Platz auf der Nordempore. Auf einer Breite von acht Metern reckt sich die dunkelbraune mit Blattgold und Ornamenten reichverzierte Orgelfassade aus gebeizter Kiefer fast bis zum Deckengewölbe. An der höchsten Stelle ragt der Prospekt 4,50 Meter in die Höhe. Fünf Spitzgiebel, so genannte Wimperge, krönen die eindrucksvolle Fassade. Sie verbirgt und schützt das Klangherz der Orgel.

Keinen Ton von sich geben 15 Pfeifen, die zwischen drei Rundbögen in der Mitte der Orgelfassade sichtbar sind. Mit der stummen Attrappe hat es eine besondere Bewandtnis. Sie hat es im Original nie gegeben. Wohl aber als Idee, als die Grohner Gemeinde 1929 den Auftrag für eine neue Orgel gab. „Wir fanden eine Bleistiftzeichnung aus dem Jahr, in der die 15 stummen Pfeifen schon angedacht waren“, erzählt Orgelbaumeister Georg Schloetmann von der Orgelbaugesellschaft Reichenstein. Damals blieb es bei der Idee. Jetzt, 81 Jahre später, haben die Orgelbauer aus Hannover- Hemmingen die Pläne umgesetzt und die Pfeifen nachträglich in den Prospekt eingefügt.

Nach dem Abschluss der Restaurierung sieht die Orgel nicht nur aus wie vor 102 Jahren, das Instrument aus dem Jahre 1972 klingt jetzt auch so. Die Orgelbaugesellschaft Reichenstein, Nachfolger der 2007 fusionierten Firmen Hammer und Oberlinger, hat das Wunder in sechs Monaten Arbeit vollbracht. Vorhandener neobarocker und neuer romantischer Stil verschmelzen jetzt zu einem Klang, der sich dem Instrument äußeren anpasst. Um das Klangspektrum zu erweitern und zu verfeinern, haben die Orgelbauer einiges verändert. Für den neuen Klang wurden bei Schwell- und Pedalwerk teilweise alte original Furtwängler& Hammer-Register aus den Jahren 1900 und 1910 eingebaut. „Das Pedal wurde grundtöniger ausgelegt. Die ursprünglichen Register Trompete 4' und Mixtur wurden zugunsten eines Cello 8’ und Quintbass 10 2/3 aufgegeben. Das ermöglicht ein vielseitigeres Bassfundament“, erklärt Orgelbaumeister Schloetmann die Feinheiten. Das zweite Manual, ein Schwellwerk, wurde im romantischen Stil neu konzipiert. Das Pfeifengehäuse enthält Jalousien, die sich auf Fußdruck öffnen und schließen lassen. „So ist es nun möglich, feinste dynamische Effekte von Fortissimo bis zum fast unhörbaren pianissimo zu erzielen.“ Eine neue Oktavkoppel bietet von sphärenhaft klingenden Streicherstimmen bis zu kraftvollen Zungenregistrierungen neue Klangmöglichkeiten. „Bei geschickter Registrierung sind viele Epochen der Orgelmusik gut und interessant darstellbar.“

Im Festgottesdienst konnten sich die Besucher davon überzeugen. Kantor Blendermann hatte eigens zur Orgeleinweihung eine Toccata komponiert. Pastorin Frauke Löffler schlug in ihrer Predigt den Bogen vom Psalm 103 „Lobe den Herrn“ zur Musik. Die Orgel sei wie kein anderes Instrument geeignet, die Seele zum Klingen zu bringen. „Mit ihren lauten und leisen, kräftigen und sanften, klaren und weichen, hohen und tiefen Tönen nimmt sie des Lebens reiche Vielfalt auf und verbindet sie zum Lob Gottes in jedem unserer Gottesdienste.“ Im anschließenden Festkonzert spielte der Orgelsachverständige der Landeskirche Bremen, Domorganist Wolfgang Baumgratz, Werke aus drei Jahrhunderten.

220000 Euro hat die Restaurierung der Orgel gekostet. 30000 Euro brachte die Gemeinde unter anderem durch Spenden und aus Erlösen von Chorkonzerten auf, 20000 Euro gab’s vom Land Bremen. Den Löwenanteil steuerte der Bund bei. Kulturstaatsminister Bernd Neumann war durch Gemeindemitglied Andreas Tserkesidis auf das Grohner Orgelprojekt aufmerksam geworden und hatte 165000 Euro locker gemacht. Zur feierlichen Orgeleinweihung sprach Neumann höchstpersönlich ein Grußwort. Darin verwies er auf die große Bedeutung der Grohner Kirche, die als neoromanischer Bau ein besonderes kulturelles Erbe darstelle. In den vergangenen Jahren wurde das Gotteshaus mit Unterstützung des Landesdenkmalpflegers Stück für Stück in seinen ursprünglichen Zustand versetzt. Die an ihren alten Platz zurückgekehrte und restaurierte Orgel ist ein Mosaikstein in diesem Gesamtbild. Durch den Standortwechsel ist auf der Westempore auch wieder das Fenster mit dem Namenspatron der Kirche, St. Michael, sichtbar.

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