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Geißler - Orgel (1876) Eilenburg, Krostiz

Geißler - Orgel 1876, Eilenburg, Krostizlupe

Die St. Laurentiuskirche in Krostitz, auch als „Dom zu Hohenleina“ bekannt, besitzt eine romantische 19-registrige Orgel des Orgelbauers Conrad Geißler (1825-1897).



Sie ist laut Unterlagen das zweite Instrument in dieser Kirche und löste somit im Jahre 1876 die von Georg Rothe erbaute Orgel aus dem Jahr 1718/19 ab. Beide Orgelbauer kamen aus dem benachbarten Eilenburg.

 

Die Windversorgung führte Geißler mit 3 Kastenbälgen im Turmraum hinter der Orgel aus, die zusammen mit der Trittvorrichtung ein imposantes Werk bilden.

Die gesamte symmetrische Orgelanlage wie auch die Hauptwerksdisposition sind klassisch gehalten.

 

Typische Merkmale der Bauweise Geißlers sind des weiteren

  • solide handwerkliche Ausführung aller Teile
  • Traversflöte aus gedrechselten Holzpfeifen
  • Posaune mit durchschlagenden Zungen
  • Oberwerkwellenbrett mit Nadelspitzenlagerung (Holzwellen mit Eisenstiften, Messingdöckchen)
  • Pedalkoppel durch Pedalventile in der Manuallade
  • Einarmige Tasten mit hängender Traktur
  • Großer Holzpfeifenanteil mit zum Teil aufwendig gebauten Registern

Zustand vor der Restaurierung

Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass diese Restaurierung die erste umfangreiche Arbeit seit der Erbauung des Instrumentes war. Glücklicherweise gab es keine Spuren, die auf Umbauten bzw. Umdisponierungen Rückschluss geben konnten. Die Abzugsabstrakten der Pedalladen waren (eigenartigerweise) erneuert. Sie waren der Geißlerschen Art nachempfunden und wurden so von uns übernommen.

 

Als einziges Problem erwies sich das Fehlen der Traversflöte, die entwendet worden war.

 

Neben extremer Verschmutzung und starkem Wurmfraß an Kanälen und Pfeifen zeigte sich das Metallpfeifenwerk in einem desolaten Zustand. Fast alle Mündungen der kleinen auf Tonlänge geschnittenen Pfeifen waren zerschlagen und aufgerissen. Offene Holzpfeifen zeigten z.T. schräge grobe Sägespuren, die auf ein nachträgliches Kürzen der Pfeifen deuten.

 

Die Stimmkrücken der Posaune waren durch Korrosion und den vielen Einkerbungen, die auf ein Stimmen mit scharfkantigen Zangen hinweisen, unbeweglich.

 

Die Prospektpfeifen waren stark verbeult. Zwei Pfeifen wiesen Löcher auf, die provisorisch mit Leder geflickt waren.

 

Die Windanlage war in ganzer Weise undicht. Ein Schleudergebläse (Böhm-Motor) war an den am Turmfenster gelegenen Kastenbalg über die im Balgboden befindliche Ansaugöffnung  angeschlossen. Die Belederung und Auspapierung der Kastenbälge war gerissen und marode.

 

Der Motor blies mit seinem Druck von 80 mm WS direkt in die Orgel, da Windregler und Schnur durch Schmutz und Korrosion blockiert waren. Starke Vibrationen übertrugen sich bis in die Orgel.

 

Die Traktur erwies sich als sehr schwergängig. Eine Messung des Tastendrucks ergab durchschnittliche Werte zwischen 250 u. 300 gr/ Taste, gemessen mit einem Register.

 

Die Windladen waren durch Trockenheit stark gerissen. Viele Risse, die sich im Laufe der Geschichte gebildet hatten, waren schon mit Lederstreifen provisorisch abgedichtet.

 

Maßnahmen bei der Restaurierung

Ziel der Restaurierung war es, die Orgel unter Wahrung der Substanz zu erhalten und in einen verlässlichen funktionstüchtigen Zustand mit dem originalem Klangbild  zurück zuführen.

Dabei sollte die Balganlage mit ihren drei Kastenbälgen wieder zum vollen Einsatz kommen.

Die komplette Orgel (außer Gehäuse und Balganlage) wurde durch uns im Herbst 2005 abgebaut und zur Überarbeitung in die Werkstatt transportiert. Reinigung und Wurmbehandlung des Gehäuses und der Balganlage wie auch die Erneuerung der völlig verwurmten und so gefährlich gewordenen Laufböden und Lagerstücke wurden in Absprache durch die Gemeinde in Eigenleistung erbracht.

 

Pfeifenwerk

 

Alle Metallpfeifen wurden ausgebeult und an den Mündungen wieder zylindrisch geformt. Risse und Überlappungen wurden begradigt und neu verlötet. Zu stark zerstörte Mündungen wurden entfernt und entsprechende Pfeifen neu angelängt.

Die Holzpfeifen wurden nach der Reinigung genauestens überprüft. Gerissene Fugen wurden dabei neu verleimt und mit Bolus-Leim Gemisch ausgegossen. Schadhafte zu stark verwurmte Stellen und Teile wie Wände, Kerne, Vorschläge und Stimmstopfen  wurden in Abmessung und Material ersetzt.

Die offenen nachträglich abgesägten Holzpfeifen wurden wieder auf ihre Originallängen gebracht. Dies betraf die Diskantpfeifen der Hohlflöte wie auch die großen Pfeifen des Octavbaß 8'und Violon 16'.

 

Die fehlende Traversflöte haben wir in Geißlerscher Art und Weise rekonstruiert. Die Pfeifen überblasen ab g’ und sind aus Ahorn gedrechselt. Im Gegensatz zu sonstigen Traversflöten aus Metall überbläst dieses Register ohne Seitenbohrungen.

Die Rohlinge für die Pfeifen, die aus einem Stück nach alter Art mit Löffelbohrern gedreht wurden, fertigte Martin Lodahl an.

Glücklicherweise waren noch die originalen Pfeifenstöcke vorhanden und gaben mitunter Rückschluss auf die Mensuren. Sonstige Maße und Mensuren konnten wir freundlicherweise am „Schwesterinstrument“ in Eilenburg abnehmen.

Die Anfertigung dieses aufwendigen Registers war durch die Pfeifenform und Art der keilförmigen Vorschläge mit Kanälen und den lippenförmigen Windlenkungen eine besondere herausfordernde Aufgabe.

 

Spieltisch und Traktur

 

Der gesamte Spielbereich wurde gründlich überarbeitet. Die beiden Manualklaviaturen wurden geschliffen und poliert. Punktuell haben wir einige stark abgespielte Vorderplatten der Klaviaturbeläge in Abmessung und Material erneuert. Die Tastengarnierungen wurden ebenfalls erneuert. Wie auch bei Geißler haben wir Sämischleder für die Tastenführung benutzt.

Klaviaturbacken, Notenpult und Registerbretter sind mit Schellack neu aufpoliert. Alle elektrischen Teile wurden aus dem Spieltisch entfernt und die entstandenen Löcher geschlossen.

Eine neue Blende verbirgt die neue Notenbeleuchtung hinter sich. Um den Spielbereich vor oft unansehnlichen Schaltern und Knöpfen frei zu halten, ist der Motorendschalter nun im Unterbau der Orgel mit der Registerwelle des Klingelzugs verbunden. So wird der Klingelzug ohne jegliche Modifizierung seiner ursprünglichen Aufgabe wieder gerecht.

Die Pedalklaviatur wurde umfangreich überarbeitet. Zu sehr abgetretene Tastenbeläge aus Buche wurden ersetzt. Die Stabilität der Pedalklaviatur war durch totale Verwurmung nicht mehr gegeben. Deshalb haben wir die seitlichen Wangen und den Waagebalken erneuert.

Vier gebrochene Porzellanschilder der Manubrien wurden in Schriftart kopiert und ausgetauscht.

 

Die Traktur war in ihrer Leichtgängigkeit durch Schmutz, Korrosion und Wurmfraß stark eingeschränkt. Alle Trakturachsen der Wellen und Winkel in allen drei Teilwerken wurden erneuert. Verwurmte Wellen und Ärmchen wurden in Abmessungen und Material nachgebaut, ebenfalls die Holzdocken des Pedalwellenbrettes. Die Messingdocken der Oberwerksladen wurden vom Wellenbrett demontiert und gebürstet. Die Winkelkapseln der Metallwinkel im Oberwerk waren so stark verwurmt, dass eine normale Demontage der Winkel zur Reinigung nicht möglich war. Alle Kapseln wurden neu gebaut.

Sämtliche Abstraktenenden erhielten neue Messingdrähte (fast 1000 Stück) mit Papierumleimung

 

Windladen

Die Windladen wiesen starke Trockenrisse auf den Ladenunterseiten auf. Nach Abtrennen der Windstuben konnten diese ausgespant bzw. neu verspundet werden. Die Ventilschlitzflächen wurden nach dem Abrichten neu mit starkem Papier beleimt. Alle Ventile erhielten neue Lederbeläge. Fugen und Stöße wie z.B. bei den Windstubenklappen wurden ebenfalls neu beledert.

 

Die Schleifenbetten machten einen noch brauchbaren Eindruck und wurden ausgebürstet und mit Talkum neu eingerieben.

 

Um nachhaltig eine Dichthigkeit der Laden bei stark schwankender Luftfeuchte zu gewährleisten, haben wir uns dazu entschlossen, die Kanzellenunterseite mit einer Nesselstoffbahn zu beleimen. Bisher konnten wir in unserem Haus gute Erfahrungen mit diesem Verfahren machen .

 

Die Unterseiten der Stöcke haben wir mit Toleranzringen aus Liegelindstoff versehen, um so einer gleichmäßigen Windversorgung jeder Pfeife gerecht zu werden. Die Erhöhungen auf den Schleifendämmen sind mit Furnier- und Kartonstreifen aufgebracht. Dieser Eingriff dient nicht zuletzt einer stabilen Stimmung und somit Schonung der sensiblen Pfeifensubstanz. Eine Reversibilität ist gegeben.

Windanlage

Bekanntlich sind Schleudergebläse in Verbindung mit einem Kastenbalg häufig ein Problem, da Kastenbälge für feine Regulierfunktionen durch hohe Reibung zu träge sind und unterschiedliche Winddrücke erzeugen. Ein fallender Kastenbalg hingegen sorgt für einen gleichmäßigen Druck. Weiterhin ist wie in Krostitz zuvor oftmals bei Kastenbalganlagen die gleiche schicksalhafte Situation anzutreffen, dass nur ein Balg mit dem Motor verbunden ist und der zweite (und dritte) Balg ohne Funktion ist. Aus diesen Gründen haben wir uns entschlossen, eine Aufzugsanlage zu konstruieren und so die herrliche großzügige Kalkantenanlage wieder in ihre ursprüngliche Bestimmung einzubinden.

 

Um den Kostenrahmen nicht zu sprengen, entschieden wir uns für eine sehr pragmatische Lösung. Ein großer Getriebemotor treibt eine Kurbelwelle an, deren Arme mit den einzelnen Bälgen über Umlenkrollen verbunden sind. Dies hat den Vorteil, dass nicht mehrere Motore angeschafft werden müssen. Zudem entfällt so die aufwändige elektronische Vernetzung der Motore und Bälge untereinander.

Der Motor ist mit einem Frequenzumrichter ausgestattet. Zur Schonung der Balgzüge ist er so eingestellt, dass beim Einschalten der Orgel der Motor langsam anfährt und erst innerhalb von ca. 6 Sekunden seine normale Drehgeschwindigkeit erreicht.

 

  • Die Kastenbälge sind nach der Reinigung abgedichtet und mit neuem Papier ausgeleimt worden.
  • Die Balgstempel sind nach ihrer Überarbeitung mit neuen Ledermanschetten versehen worden.
  • Die Umlenkräder und Fußtritträhmchen der Kalkantenzüge waren so stark verwurmt, dass wir sie in Hinblick auf die statische Belastung durch die Aufzugsanlage rekonstruiert haben.
  • Die originalen Achsen der Räder wurden wiederverwendet. Die Aufzugsanlage wurde so installiert, dass jegliche Modifizierung der historischen Substanz vermieden werden konnte.

 

Intonation und Stimmung

 

Bei der Intonation wurde Wert auf eine gesunde und freie Ansprache der Register gelegt. Wichtige Intonationsparameter wie vorgefundene Fußlochgrößen und Kernspaltenweiten ergaben in sich schlüssige Linien, die so Indizien für das Originalklangbild Geißlers waren.

 

Das Klangbild der Orgel besticht neben vielen Registriermöglichkeiten  durch ein klassisch frisch-herbes Prinzipalplenum, einer farbigen Kornettmischung und der Verschmelzung von Streichern mit charakteristischen Flöten. Es  spricht für die hohe künstlerische Qualität und das Können Conrad Geißlers.

Die Intonationsarbeiten wurden durch Herrn Norbert Britze aus Bad Düben begleitet.

Der Winddruck beträgt 60 mm WS, die Stimmung ist gleichstufig temperiert (441 Hz bei 13° C).

 

Durch die Reaktivierung der ursprünglichen Winderzeugung ist ein  lebhafter, musikalisch interessanter Wind entstanden.

 

Die Arbeiten wurden 2006 durch die Werkstatt Emil Hammer (jetzt Orgelbaugesellschaft Reichenstein) aus  Hemmingen unter der Leitung des Autors durchgeführt.

 

Autor: Georg Schloetmann, Orgelbaumeister

Datei zum Download

DateiDisposition-Krostiz Disposition-Krostiz.pdf

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